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Gedanken zum Tag: Da der Mittwoch weder den Aufbruchgeist des Montags noch die                    Aufräumstimmung des Freitags hat, eignet er sich ideal für die zähen, dicken Bretter. Ein komplexes Kapitel strukturieren, Logiklöcher stopfen oder den roten Faden einer packenden Szene straff ziehen – heute ist der Tag für die Substanz.


Handlung und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie realen Ereignissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Kein Teil dieser Geschichten darf ohne ausdrückliche Genehmigung des Verfassers reproduziert oder in irgendeiner Form weiterverwendet werden.


Max Ehrlichs 2. Fall (Entwurf)

Berlin, Dezember 1989

Der Winter war kalt, doch in den Korridoren der Macht brannte die Luft. Nur wenige Wochen nach dem Fall der Mauer lag über Ost-Berlin ein seltsames Gemisch aus Euphorie und nackter Panik. Während auf den Straßen die Menschen die neu gewonnene Freiheit mit Westsekt und Tränen feierten, herrschte in der Abteilung Finanzverwaltung und Parteibetriebe des ZK der SED eine fast schon gespenstische Betriebsamkeit.
Artur Müller, Abteilungsleiter Devisen und Valuta, starrte auf die Monitore in seinem spärlich beleuchteten Büro. Er war ein Technokrat der Macht, ein Mann der Zahlen, der gelernt hatte, Ideologie gegen harte Währung aufzuwiegen. Die Anweisung war von „ganz oben“ gekommen – diskret, unmissverständlich und unter höchster Geheimhaltungsstufe. Er sollte das Überleben der Elite sichern, auch wenn das System, dem sie diente, gerade vor ihren Augen zerfiel.
Es ging um mehr als nur Parteigelder. Es ging um ein Imperium. Mehr als zwei Milliarden D-Mark – das „Blutgeld“ eines Staates, der kurz vor dem Staatsbankrott stand – sollten dem Zugriff des Volkes entzogen werden.
Müller wusste, dass er diesen Auftrag allein nicht bewältigen konnte. Er brauchte die Schattenmänner der „Kommerziellen Koordinierung“, kurz KoKo. Unter der Leitung des legendären Alexander Schalck-Golodkowski war die KoKo über Jahrzehnte zum unsichtbaren Rückgrat der DDR-Wirtschaft geworden. Ein Geflecht aus Scheinfirmen, Waffenhandel und Embargogeschäften, das tief in den Westen reichte und direkt dem MfS unterstellt war.
In jenen schlaflosen Nächten im Dezember 1989 wurden aus Devisenströmen digitale Geister. Mithilfe der KoKo-Strukturen schleuste Müller das Vermögen über ein Labyrinth aus Treuhandkonten in Zürich, Briefkastenfirmen in Vaduz und Strohmännern in Luxemburg. Es war eine logistische Meisterleistung des Verrats: Während die Bürgerrechtler am Zentralen Runden Tisch über die Zukunft einer demokratischen DDR debattierten, wurden die Tresore der Partei bereits im Ausland neu befüllt.
Als die Deutsche Demokratische Republik am 3. Oktober 1990 schließlich aufhörte zu existieren, war die Fahne eingeholt – und das Gold der SED spurlos verschwunden.
Im März 1990 war bereits die Treuhandanstalt ins Leben gerufen worden. Ihr offizieller Auftrag: Das gewaltige Volksvermögen der DDR zu retten und in die soziale Marktwirtschaft zu überführen. Doch während die Beamten im hellen Licht der Öffentlichkeit Fabriken schlossen und Betriebe verkauften, blieb der Schatten von Müllers Transaktionen unberührt.
Die Milliarden waren weg. Vergraben in den Bilanzzen des Kapitalismus, bewacht von Männern, die gelernt hatten, dass Schweigen die stabilste Währung der Welt ist. Bis heute.

Dreißig Jahre später


Die Sonne schien bereits hell über dem Wannsee und der ruhig dahinfließenden Havel. Max Ehrlich, der noch fest geschlafen hatte, versuchte mit zugekniffenen Augen, den hellen Strahlen zu widerstehen. Emi, seine Ex-Frau und jetzige Partnerin, hatte die Rollläden geöffnet und Susi, ihre bullige Bordeaux-Dogge, zog mit einem kräftigen Ruck die Bettdecke herunter.
„Morgen, Langschläfer“, sagte Emi vergnügt, während sie das Fenster weit aufstieß. Der Duft von frischem Kaffee und der leichte, modrige Geruch der Havel wehten herein.
Max brummte etwas Unverständliches in sein Kopfkissen. Susi quittierte seine Trägheit mit einem feuchten Lecken über sein Ohr, was ihn schließlich endgültig zur Kapitulation zwang. Er setzte sich auf, rieb sich den Dreitagebart und blinzelte in das gleißende Licht. Er genoss dieses Haus am Wasser, auch wenn es ihnen ein Vermögen an Instandhaltung kostete. Nach seinen Jahren als Ermittler beim BKA in Berlin war die Ruhe hier draußen eigentlich genau
das, was er gewollt hatte. Eigentlich.
„Kaffee steht auf der Terrasse“, rief Emi aus dem Flur. „Und es liegt ein Umschlag auf dem Tisch. Ohne Absender. Dickes Papier, sehr förm-lich.“
Max zog die Augenbrauen hoch. Anonyme Post war selten ein Vorbote für einen entspannten Tag. Er schlüpfte in seinen Bademantel und schlurfte hinaus auf die Terrasse. Das Wasser des Wannsees glitzerte wie flüssiges Silber. Auf dem Tisch lag tatsächlich ein weißer Umschlag, dessen Qualität so gar nicht zu der üblichen Rechnungsflut passte.
Er öffnete ihn vorsichtig. Darin befand sich eine Kopie eines alten Bankbelegs aus dem Jahr 1989. Ein Treuhandkonto in Liechtenstein. Die Summe war astronomisch: zweihundert Millionen D-Mark – nur eine von vielen Tranchen. Darunter lag ein kurzer, handgeschriebener Zettel:
„Die Toten schweigen, aber die Zahlen lügen nicht. Suchen Sie nach Artur Müller, bevor es andere tun.“
Max spürte ein bekanntes Kribbeln in den
Fingerspitzen. Es war dasselbe Gefühl, das er da-mals
hatte, als er beim BKA den großen Haien auf der Spur war.
„Was ist es?“, fragte Emi, die mit zwei Tassen Kaffee nach draußen kam.
Max starrte auf den Namen auf dem Beleg. Artur Müller. Ein Geist aus der Vergangenheit, der gerade eben erst die Rollläden zu seinem neuen Leben wieder aufgestoßen hatte.
„Ein Auftrag, Emi“, sagte er leise und nahm die Kaffeetasse entgegen. „Oder eine Warnung. Das weiß ich noch nicht so genau.“
Emi setzte sich ihm gegenüber und musterte ihn besorgt. Sie kannte diesen Blick. Es war der Blick, den er immer dann bekam, wenn die Vergangenheit an seine Tür klopfte – meistens mit schweren Stiefeln.
„Artur Müller“, las sie laut vor, als sie über seine Schulter auf den Zettel sah. „Ist das nicht einer von den Schattenmännern der KoKo gewesen? Du hast mir mal davon erzählt. Ich glaube, dein erster Fall vor vier Jahren beim BKA."
„Müller war mehr als nur ein Schattenmann“, antwortete Max und nippte an dem heißen Kaffee. Er blickte hinaus auf die Havel, wo ein einsames Segelboot lautlos vorbeiglitt.
„Er war der Architekt. Der Mann, der die Zahlen so verbog, dass sie selbst für die Treuhandanstalt unsichtbar wurden. Wir hatten ihn damals fast. Es konnten Beweise für illegale Transfers nach Liechtenstein und in die Schweiz gesammelt werden. Aber dann kamen die Anrufe von oben. Akten verschwanden, Zeugen änderten ihre Aussagen oder wanderten aus. Müller löste sich einfach in Luft auf.“
„Und jetzt schickt dir jemand seine Kontodaten nach zwanzig Jahren? Warum ausgerechnet dir?“, fragte Emi skeptisch.
„Vielleicht, weil ich einer der wenigen bin, die damals nicht locker lassen wollten“, mutmaßte Max. „Ich galt da schon als potenzieller Störenfried.“ Zumindest bei einigen in den oberen Etagen.“ Er drehte den Beleg um. Auf der Rückseite war ein winziger, fast unleserlicher Stempel einer Anwaltskanzlei aus Vaduz zu erkennen, der längst verblasst war. „Oder jemand will, dass ich die Drecksarbeit erledige, für die Behörden, die heute kein Budget und kein Interesse mehr haben.“
Susi legte ihren schweren Kopf auf Max’ Knie und sah ihn aus traurigen Augen an, als verstünde sie den Ernst der Lage. Max kraulte ihr geistesabwesend die Ohren.
„Wenn diese zweihundert Millionen nur eine Tranche waren, reden wir heute über ein Vermögen, das mit Zinsen und Reinvestitionen Milliarden wert ist“, rechnete Max leise vor. „Dieses Geld finanziert heute wahrscheinlich Imperien. Es steckt in Immobilien, in Firmenbeteiligungen, vielleicht sogar in Parteispenden.“
„Willst du wirklich wieder da rein, Max?“, fragte Emi leise. „Wir haben uns hier etwas aufgebaut. Du bist Partner in unserer Kanzlei.“
Max sah sie an. Sie hatte recht. Die Ruhe am Wannsee war kostbar. Aber die Botschaft auf dem Zettel – bevor es andere tun – brannte sich in sein Gedächtnis ein. Es klang nicht nach einer Einladung zu einer Plauderei. Es klang nach einem Wettlauf.
„Ich werde nur ein paar Telefonate führen“,
versprach er, obwohl er wusste, dass es eine Lüge war. „Ich will nur wissen, ob Müller noch lebt.“