Mein neues Buch ist veröffentlicht. Bitte schaut bei Veröffentlichungen rein.
Gedanken zum Tag: Der 11. September ist ein Datum, das unweigerlich eine eigentümliche Schwere im kollektiven Gedächtnis trägt. Er erinnert an die Zerbrechlichkeit scheinbar unverrückbarer            Sicherheiten und daran, wie abrupt globale Ereignisse den Lauf der Weltgeschichte verändern können. Gerade an Tagen, die an weltweite Krisen und Unruhe erinnern, zeigt sich der Wert    verlässlicher Routinen – handwerkliches Tun, ein ehrlicher Spaziergang, ein gutes Essen oder Zeit mit der Familie. Die Welt lässt sich selten im Großen reparieren, aber das eigene Umfeld lässt sich mit Ruhe und Vernunft gestalten.




Kurzgeschichten
Die bisherigen Kurzgeschichten (Nur lesen. Verfielfältigung oder anderweitige Veröffentlichung nur mit Genehmigung des Autors!)
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Handlung und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie realen Ereignissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Kein Teil dieser Geschichten darf ohne ausdrückliche Genehmigung des Verfassers reproduziert oder in irgendeiner Form weiterverwendet werden.



Die Sabotage im Zwetschgenhaus

   Der August begann genauso heiß, gefühlt jedoch noch heißer als der Juli. Während der Juli öfter eine Sommerbrise dabei hatte, stand die Hitze unbeweglich zwischen den Reihen der Obstbäume. Die Luft stand wie die Kalkfelsen der Ehrenbürg und roch nach reifem Süßobst. Die unzähligen Wespen, die den Südhang in einen einzigen, vibrierenden Festsaal verwandelt hatten, wurden immer aggressiver in der Hitze.

In Konni Stärks Sortierhalle rauschten die großen Ventilatoren auf höchster Stufe. Doch gegen die 39 Grad im Schatten, vermochten sie nicht großartig anzukommen. Auf den Sortiertischen stapelten sich die Kisten mit den Hauszwetschgen.  Diese waren von der Sonne, der letzten Wochen zu tiefblauen, saftigen Früchten herangereift und von Ronny und ihm im Angesicht ihres Schweißes geerntet worden.

Vor einem Tisch stand Roland „Rolly“ Becker. Die neuen Arbeitsstiefel, die er stolz am Monatsanfang präsentiert hatte, waren schon schwer gezeichnet von der Arbeit auf der Plantage. Sein dunkelblaues Arbeitshemd war bereits durchgeschwitzt, und seine Hände zeigten dieselbe violettfarbene Verfärbung, die Konni seit Jahrzehnten wie eine zweite Haut trug. Er war gerade dabei, die ersten Kisten voll Zwetschen auf den Zuckergehalt zu kontrollieren.

„Einundneunzig Oechsle, Konni!“, rief Rolly und hielt begeistert ein kleines, digitales Refraktometer in die Höhe, auf dessen Prismenglas der Saft einer zerdrückten Zwetschge glänzte. „Die Werte sind phänomenal. Die Webseite läuft heiß, die Gastronomen aus München wollen sich die Chargen für den Holzfassbrand im Spätherbst jetzt schon sichern. Wenn wir die Sortiergeschwindigkeit verdoppeln, kriegen wir die restlichen drei Tonnen am Südhang bis morgen Abend eingemaischt!“
Rolly griff nach einer Holzschaufel und wollte eine Ladung frisch geschüttelter Früchte in die große, grüne Maischetonne kippen.

„Halt! Stop!“, rief Konni. Die Stimme des Nebenerwerbs-Obstbauern hallte, um den Lärm der Ventilatoren zu überbieten, lautstark durch die Halle.
Rolly erstarrte in der Bewegung. „Was ist los? Der Ertrag stimmt, das Zuckerverhältnis ist perfekt...“

Konni trat langsam an das Schaff heran. Er griff mit seinen hornhautverstärkten Fingern tief in das dunkle Blau der Früchte, wühlte schweigend und zog schließlich eine Handvoll Zwetschgen heraus. Sie sahen auf den ersten Blick makellos aus, doch an der Stielbasis zeigten sich stecknadelkopfgroße, grau-weiße Schimmelflecken. „Das ist Monilia-Fäulnis. Sie wird begünstigt durch hohe Luftfeuchtigkeit und unsachgemäße, zu lange Lagerung.“ „Das da“, sagte Konni leise und hielt Rolly die Früchte direkt vor die Nase, „ist der Unterschied zwischen einem Meisterbrand und dreitausend Litern Essig.“
Rolly schluckte. „Es ist doch nur eine Handvoll …“

„Eine einzige Frucht reicht“, unterbrach ihn Konni ohne Schärfe, aber mit einem blassen Gesichtsausdruck. „Die Maische gärt vier Wochen. Wenn du diesen Pilz mit in die Tonne kippst, vermehrt er sich im warmen Augustklima schneller, als du in deinen Computer tippen kannst. Der Brand kriegt einen muffigen Nachgeschmack. Nur ist das hier unmöglich: Die Zwetschgen lagern erst zwei Tage, und die Ventilatoren sind ununterbrochen in Betrieb. Die Luftfeuchtigkeit hier drinnen ist optimal und in den letzten Tagen am Baum, gab es keinen Regen und kein Gewitter. Hier stinkt etwas ganz gewaltig.“

Gemeinsam untersuchten sie jede von den einhundert Kisten. Konnis schlimmste Befürchtungen wurden wahr. Nur die oberste Schicht jeder Kiste war von bester Qualität, darunter waren alle Früchte von der Fäulnis befallen. Rolly ließ das Schaff langsam sinken. Der Schwung der letzten Stunden wich aus seinen Schultern. Er setzte sich schwer auf eine umgedrehte Obstkiste und fuhr sich mit dem Ärmel über die nasse Haut.

„Konni, was ist hier los? Das kann doch alles nicht wahr sein! Der Heini kommt gleich und will sich die Ware anschauen. Wir sind erledigt, alle Mühe umsonst.“
In diesem Moment knatterte draußen auf dem Hof ein betagter Dieselmotor. Das vertraute, unregelmäßige Stampfen kündigte Heini Schrepfer an. Der alte Brenner humpelte wenig später durch das Hallentor, in der Hand eine große Thermoskanne und ein Blech mit noch warmem, duftendem Zwetschgenkuchen.
„Na, ihr zwei Helden vom Südhang?“, rief Heini und warf einen prüfenden Blick auf die gestapelten Kisten. „Arbeitet ihr noch oder gärt ihr schon?“
Konni runzelte die Stirn. „Heini, du kannst dir deine gute Laune sonst wohin stecken, hier ist was oberfaul, und das liegt nicht nur an den verdammten Zwetschgen. Hier will uns einer verflucht noch mal in die Suppe spucken.“

Heini lachte rau, während er sich zu Rolly auf die Kiste gesellte und ihm ein gewaltiges Stück Zwetschgenkuchen auf ein Stück Küchenpapier schob. „Was soll das heißen, Konni? Den Zwetschgen ging es doch gestern noch bestens. Was soll denn so plötzlich passiert sein?“
Konni winkte ihm zu. „Komm her und schau dir die Sauerei selbst an.“

Heini stand etwas ächzend von der Kiste auf und schlürfte zu den Zwetschgen, auf die Konni zeigte. „Hier, schau dir die Bescherung an. Daraus kann man nicht einmal mehr ein anständiges Mus machen. Geschweige denn, eine Maische für deinen Brand.“

„Verdammt noch mal“, brummte Heini. „Das soll doch wohl ein verflucht schlechter Witz sein? Das geht doch gar nicht in so kurzer Zeit. Gestern Morgen, bevor wir zum Angeln aufgebrochen sind, war doch alles noch okay.“

„Eben“, schnaufte Konni. „Das ist kein Witz, Heini. Hier ist wer eingestiegen und hat unsere Zwetschgen mit seinem Mist umgetauscht. Um uns hinters Licht zu führen, hat er, oder die, die oberste Schicht, mit unseren guten Zwetschgen bedeckt. Jemand, der nicht viel Ahnung von der Sache hat.“
Rolly biss in den Kuchen. Die Kombination aus säuerlicher Frucht, knusprigen Streuseln und Zimt schien seine Lebensgeister sofort zurückzuholen. Er sah auf seine schwieligen Hände, dann auf die Tonnen und schließlich zu den beiden älteren Männern.

„Okay“, sagte Rolly schon resignierend. „Jetzt muss ich die potenziellen Kunden anrufen. Keine Zwetschgen, keinen Holzbrand vom Südhang. Ich bin ruiniert.“
„Nun wirf mal nicht gleich die Flinte ins Korn, Rolly“, meinte Konni und reichte ihm einen Becher frischen Kaffee. „So schnell gibt ein Schärf nicht auf. Noch wissen wir nicht, wer oder was hier die Finger im Spiel hat.“ Zu Heini gewandt: „Hast du vor Kurzem irgendein Angebot für Maische bekommen? Eins von jemandem, den du nicht kennst?“

Heini überlegte kurz, dann leuchteten seine Augen auf. „Na klar, jetzt wo du es sagst. Nicht bei mir, aber beim Alois Schneider von Pretzfeld war letzte Woche so ein Futzi da. Kam gleich mit nem ganzen Sattelzug und wollte Zwetschgen verkaufen. Bei der Kontrolle von den ersten Kisten hat der Alois schon abgewunken. Mensch, Konni die sahen genauso aus, wie der Dreck in deinen Kisten hier. Ich war zufällig dabei, weil der Alois doch mein Schwager ist und meine Grete ihre Schwester besucht hat.“ Konni stellte seinen Kaffeebecher mit einem harten Klacken auf den Rand eines Sortiertisches. Der Dampf kräuselte sich träge in der stickigen Hallenluft, doch in seinen Augen blitzte plötzlich die alte Schärfe auf, die man an ihm kannte, wenn jemand versuchte, ihn über den Tisch zu ziehen.
„Ein ganzer Sattelzug?“, murmelte Konni und strich sich über das stoppelige Kinn. „Wer karrt denn tonnenweise Gammelobst durch die Fränkische Schweiz, wenn nicht einer, der auf Teufel komm raus eine vertragliche Liefermenge erfüllen muss – und dem die eigene Ernte im Kühlhaus verreckt ist?“

„Genau so einer war das“, pflichtete Heini bei und wischte sich ein paar Streusel vom Hemd. „Ein schmieriger Typ mit gegelten Haaren, weißem Hemd und einem Kennzeichen aus dem Hessischen. Wollte dem Alois das Zeug für ein Butterbrot andrehen. Bar auf die Hand, ohne Papiere. Als Alois ihn vom Hof gejagt hat, hat der Kerl geflucht wie ein Rohrspatz und gemeint, er fände schon noch ein paar dumme Bauern am Walberla, die nicht so genau hinschauen.“
Rolly sprang so hastig von der Holzkiste auf, dass sie gefährlich schwankte. Seine Verzweiflung wich schlagartig einer hektischen Betriebsamkeit. „Wartet mal. Wenn der Typ gestern hier war, während ihr beiden am Wiesent-Ufer gehockt habt … Er konnte unmöglich wissen, dass die Halle unverschlossen war, es sei denn, er hat den Hof vorher ausgekundschaftet!“

Rolly griff nach seinem Smartphone, fingerte nervös am Display herum und sprintete zur hinteren Hallenwand, direkt unter den Dachbalken. „Konni! Die Wildkamera! Du hast doch im Juni dieses Ding wegen der Marder über dem Rolltor montiert. Hast du die Batterien gewechselt?“
Konni nickte langsam, ein grimmiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Gestern früh erst. Zeigt genau auf die Hoffahrt und das Schiebetor.“
Zwei Minuten später standen die drei Männer eng zusammengedrängt um Rollys Display. Auf den hochauflösenden Nachtaufnahmen der Infrarotkamera war kein Sattelzug zu sehen – dafür aber ein weißer 7,5-Tonner mit Hebebühne, der um exakt 02:40 Uhr rückwärts an die Halle herangesetzt hatte. Drei Gestalten hatten in Windeseile Kisten getauscht: erstklassige, sonnengereifte Ehrenbürg-Zwetschgen raus, verschimmelter Ausschuss rein.
„Schau dir die Plane an“, flüsterte Heini und tippte mit dem Zeigefinger auf das Display. Auf der verwaschenen Lkw-Plane spiegelte sich im Scheinwerferlicht schwach ein Logo: Obstgroßhandel & Kelterei Vogl – Groß-Umstadt.

„Der Vogl“, knurrte Konni. „Der hat vor zwei Jahren schon versucht, billige Importware als fränkischen Streuobst-Ertrag zu deklarieren. Jetzt hat er sich an unseren Bäumen vergriffen.“ Er drehte sich zu Rolly um, dessen Augen wieder brannten. „Rolly, lass das Telefonat mit München erst mal sein. Heini, pack den Kuchen ein. Wir fahren nicht zur Polizei – wir fahren erst mal nach Pretzfeld zum Alois. Wenn der Vogl heute Nacht drei Tonnen Spitzenobst geladen hat, steht der Lkw bei der Hitze garantiert im Schatten der alten Lagerhalle am Bahnhof, bevor er heute Abend auf die Autobahn geht.“
Konni fackelte nicht lange. Er marschierte geradewegs zur Werkbank, griff nach einem schweren Radkreuz und warf Heini den Schlüssel seines alten, allradgetriebenen Fendt-Traktors zu. „Heini, du nimmst den Schlepper mit der breiten Heckschaufel. Rolly und ich fahren im Caddy vor. Wenn der Kerl wirklich am Pretzfelder Bahnhof steht, machen wir die Mausefalle von beiden Seiten zu.“

Keine zehn Minuten später bogen sie auf das verlassene Industriegelände neben den Gleisen ein. Zwischen wucherndem Unkraut und rostigen Schienen stand er tatsächlich: der weiße 7,5-Tonner, abgestellt im kühlen Schatten einer verfallenen Umladehalle. Das Aggregat der Lkw-Kühlung dröhnte laut gegen die flirrende Nachmittagshitze an. Die Hebebühne war halb heruntergelassen. Zwei Männer in schmutzigen Latzhosen wuchteten gerade die letzten Holzkisten um, während ein Dritter – im verschwitzten, weißen Hemd – mit einer Klemmmappe hektisch neue Etiketten auf die Paletten klebte: „Fränkische Premium-Hauszwetschge – Güteklasse 1“.

Konni trat das Gaspedal durch. Mit quietschenden Reifen stellte er den Caddy quer, direkt vor die Stoßstange des Lkw. Noch bevor der Staub sich legte, donnerte von hinten der Fendt heran. Heini bugsierte die massive Eisenschaufel des Traktors millimetergenau und mit einem ohrenbetäubenden metallischen Krachen unter die Hebebühne des Lasters. Damit war der Fluchtweg dicht.

„Was zur Hölle soll das werden?!“, brüllte der Mann im Hemd und ließ die Klemmmappe fallen.
Konni stieg langsam aus. Er hielt das Radkreuz lässig, aber unmissverständlich in der rechten Hand. Rolly trat neben ihn, das Smartphone im Anschlag, die Kamera fest auf das Gesicht des Händlers gerichtet.

„Herr Vogl, nehme ich an?“, sagte Konni mit eisiger Ruhe und trat näher an die Ladefläche heran. „Sie haben da ein paar Kisten geladen, die den weiten Weg vom Südhang nicht ganz freiwillig angetreten haben.“
Vogls Blick zuckte panisch zwischen dem blockierten Heck, dem wuchtigen Traktor und Rollys Kamera hin und her. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden! Das ist regulär zugekaufte Ware aus dem Umland!“

„Regulär mit Einbruchdiebstahl um zwei Uhr morgens?“, spottete Rolly und hielt ihm den Bildschirm mit der glasklaren Nachtaufnahme direkt vor die Nase. „91 Oechsle, Herr Vogl. Das gibt es nur an den Kalkhängen der Ehrenbürg. Und Sie haben uns Ihren Schimmel-Abfall in die Halle gekarrt.“
Heini lehnte sich mit einem breiten Grinsen aus der Fahrerkabine des Fendt und spuckte einen Kirschkern ins Unkraut. „Alois lässt übrigens schön grüßen, du Gauner.“

Vogl wurde schlagartig kreidebleich. Die beiden Helfer auf der Ladefläche hoben beschwichtigend die Hände und machten keinen Anstalten, ihrem Chef beizustehen.
„Hören Sie … wir können das regeln“, stammelte Vogl, während ihm der Schweiß in Strömen über die Stirn lief. „Keine Polizei. Ich zahle bar. Den doppelten Marktpreis für die ganze Ladung!“

Konni schüttelte langsam den Kopf. „Das feine Tröpfchen für München kriegst du nicht, Vogl. Nicht für alles Geld der Welt. Du und deine Kumpane ladet jetzt jede einzelne Kiste von unserem Südhang wieder brav in meinen Anhänger um. Und zwar zügig, bevor die Früchte warm werden. Wenn ihr fertig seid, bezahlst du uns zweitausend Euro Aufwandsentschädigung für den Transport und die Entsorgung deines Mülls. Wenn nicht, drückt Rolly auf 'Senden' – und das Video geht zeitgleich an die Polizei in Forchheim und die Gewerbeaufsicht.“

Vogl schluckte schwer, sah auf seine ruinierten Schuhe und nickte geschlagen.
„Packt an, Jungs“, krächzte er zu seinen Helfern.

Konni lehnte sich entspannt an den Kotflügel des Caddy und warf Rolly ein Grinsen zu. „Siehst du, Rolly? Der Holzfassbrand ist gerettet. Und die Maische kriegen wir heute Abend immer noch angesetzt.“

Ende November zog der erste Frost dichte, weiße Nebelschwaden über das Wiesenttal. Die Hänge der Ehrenbürg lagen kahl und still da, doch in Heini Schrepfers Brennerei brannte bis spät in die Nacht Licht. Der alte Kupferkessel glänzte warm im Feuerschein, und das stetige Gluckern des Kühlwassers füllte den Raum mit einer beruhigenden Monotonie. Die Luft war erfüllt vom schweren, unverwechselbaren Duft nach Marzipan, dunkler Schokolade und reifer Zwetschge.
Konni saß auf einer Holzbank, die Beine ausgestreckt, und beobachtete den hauchdünnen Strahl des Mittellaufs, der glasklar aus der kupfernen Vorlage in den Edelstahlbehälter plätscherte.

Heini tauchte einen kleinen Probierlöffel in den Strahl, roch mit geschlossenen Augen daran und nickte andächtig. „Vierundachtzig Prozent, butterweich im Abgang. Kein Fehlton, keine Bitterstoffe. Konni, das ist der beste Brand, den dieser Kessel seit zehn Jahren gesehen hat.“
Rolly kam mit drei bauchigen Nosing-Gläsern herüber, in die Heini einige Tropfen des frischen Destillats träufelte, heruntergesetzt auf trinkbare zweiundvierzig Prozent.

„Auf die Rettung vom Südhang“, sagte Rolly und stieß mit den beiden Alten an. Das feine Klingen des Glases verhallte, als sie den ersten Schluck nahmen. Die Aromen explodierten förmlich auf der Zunge: die volle, sonnengetränkte Süße des heißen Augusts, gepaart mit der herben Mineralität der fränkischen Kalkböden.
„Und die Münchner Gastronomen?“, fragte Konni mit einem verschmitzten Lächeln.

Rolly grinste breit und klopfte auf ein frisch geliefertes, kleines Maulbeerholzfass, das in der Ecke bereitstand. „Die haben die ersten zwanzig Flaschen unbesehen reserviert, sobald der Brand im Frühjahr aus dem Holz kommt. Der Erlös deckt die neuen Sortiertische – und Vogls zweitausend Euro 'Spende' hat uns die neuen Fässer finanziert.“

Heini lachte rau, goss noch einmal nach und hob sein Glas gegen das Licht des Kessels. „Auf die Zwetschge, auf die Heimat – und darauf, dass man sich mit den Bauern vom Walberla besser nicht anlegt.“


Das Kirchenuhr-Debakel von Kirchehrenbach


   Der Juli zeigte sich wieder von seiner gnadenlosen Seite. Die Hitze stand wie geschmolzenes Blei über dem Walberla, und wer schlau war, bewegte sich zwischen zwölf und vier Uhr nachmittags keinen Zentimeter mehr als unbedingt nötig. Ich, Konni Stärk, hatte mich gerade mit einem kühlen Johannisbeersaft in den Schatten hinter die Scheune verkrümelt, als ein Geräusch die träge Julistille durchschlug.

Es war nicht das vertraute, sonntägliche Bimmeln unserer St.-Bartholomäus-Kirche. Es war ein schrilles, metallisches Scheppern, gefolgt von einem rhythmischen, ohrenbetäubenden PING-PONG-PING, das klang, als würde jemand eine Blechmülltonne mit einem Schlagzeugstick bearbeiten.
Ich ließ das Glas sinken. „Schorsch?“, rief ich über den Zaun.

Der dicke Schorsch lugte über die Hecke, die Mütze schief auf dem Kopf, ein schmelzendes Speiseeis in der Hand. „Konni, frag nicht. Chantal hat wieder zugeschlagen. Sie hat den Pfarrgemeinderat eingewickelt.“

Zehn Minuten später standen wir auf dem Dorfplatz. Die Sonne brannte unbarmherzig auf das Pflaster, doch die wahre Katastrophe spielte sich oben im Kirchturm ab. Chantal stand in einem schneeweißen, bodenlangen Leinengewand mitten auf dem Platz, ein Megafon in der Hand und eine schwere Klangschale aus Messing auf einer Art Samtkissen vor sich hertragend.

„Liebe Kirchehrenbacher!“, hallte ihre Stimme, verzerrt durch das Megafon, über den Platz. „Der Juli ist nach den alten keltisch-druidischen Lehren der Monat der solaren Frequenz-Harmonisierung! Das altmodische, aggressive Stundenschlagen unserer Kirchturmuhr erzeugt mikroskopische Stresswellen im Gewebe unserer Dorfgesellschaft. Wir ersetzen den mechanischen Lärm ab heute durch die hochfrequente Schwingung der tibetischen Planetentongeige!“

Oben im offenen Fenster des Glockenturms schwitzte ein armer, von Chantal engagierter Zivildiener aus Nürnberg. Er trug Lärmschutzhörer und schlug mit einem gigantischen, filzbespannten Klöppel im Fünf-Sekunden-Takt gegen eine riesige Messingschale, die Chantal oben hatte installieren lassen. Das Ergebnis war kein wohlklingender Ton, sondern ein dröhnendes, kopfschmerzerzeugendes RÖÖÖÖHR, das die Spatzen in Scharen aus den Dachrinnen vertrieb.
„Sie hat doch wohl nicht den alten Uhrenschlag abgestellt?“, staunte Schorsch und vergaß glatt, an seinem Eis zu schlecken. „Die Kirchturmuhr gibt seit 1892 den Takt für die Brotzeit an!“

„Sie hat“, sagte ich düster. „Und das ausgerechnet im Juli, wenn die Zeit ohnehin wie Honig fließt.“
Doch Chantal hatte die Rechnung ohne das fränkische Kleinklima und die Pfarrgemeinde gemacht.
Durch die brütende Julihitze der letzten Tage hatte sich im Dachstuhl des Kirchturms ein gewaltiges Wespenpest-Nest gebildet. Die Tierchen hatten dort oben jahrelang ungestört gelebt, solange die alte, schwere Bronzeglocke mit ihrem gewohnten, tiefen BIMM-BAMM schlug. Das war ein ehrlicher, tiefer Ton, den die Dorf-Wespen seit Generationen gewohnt waren. Die neuen, hochfrequenten Planetentöne der Messingschale hingegen versetzten das gesamte Gebälk des Turms in eine fiese, hochfrequente Vibration.

Beim zwölften Schlag der Klangschale geschah es. Ein bedrohliches, dunkles Summen mischte sich in das metallische Dröhnen. Der arme Nürnberger Zivildiener oben im Turm ließ als Erster den Klöppel fallen, stieß einen Schrei aus und kam die steile Holztreppe heruntergepoltert, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Aus den Schallluken des Kirchturms quoll eine dunkle, summende Wolke. „Was ist das? Ist das der kosmische Äther?“, rief Chantal begeistert ins Megafon und streckte die Arme gen Himmel. „Die Natur antwortet auf die Harmonik!“

„Das ist kein Äther, Chantal, das sind stinksaure Wespen!“, brüllte ich rüber. „Und die stehen überhaupt nicht auf Esoterik!“
Die Wespen, völlig verwirrt von den Schwingungen und der sengenden Julisonne, schossen im Sturzflug auf den Dorfplatz hinab. Und wo lässt es sich am besten nieder? Genau dort, wo es nach süßem, biodynamischem Lavendel-Deo und teurem Parfüm duftet.

Chantal bemerkte den Irrtum erst, als sich die ersten zehn gelb-schwarzen Untermieter auf ihrem blütenweißen Leinengewand niederließen.
Das Megafon entglitt ihren Händen und schlug mit einem lauten Rückkopplungskreischen auf dem Pflaster auf. Chantal vollführte eine blitzschnelle Drehung, raffte ihr Gewand hoch und begann einen Slalomlauf um den Dorfbrunnen, bei dem selbst die örtliche Leichtathletikgruppe vor Neid erblasst wäre.
„Die Schwingung ist gestört! Die Frequenz ist toxisch!“, kreischte sie, während sie verzweifelt versuchte, die Insekten mit ihrem Samtkissen abzuwehren.
Der Mesner, der das Trauerspiel von der Sakristei aus beobachtet hatte, schaltete kopfschüttelnd die alte Mechanik wieder ein. Ein tiefes, sattes, ehrliches BIMM... BAMM... BIMM dröhnte von St. Bartholomäus über den Platz.

Wie durch ein Wunder drehte die Wespenschar ab. Der gewohnte, tiefe Ton beruhigte die Gemüter im Gebälk augenblicklich. Die Tierchen zogen sich brummend in die schattigen Höhen des Turms zurück.
Chantal stand keuchend am Brunnenrand, das weiße Kleid über und über mit Brunnenwasser bespritzt, die Frisur ruiniert.
Schorsch schlenderte langsam zu mir rüber, reichte mir ein frisches, eiskaltes Seidla aus dem Dorfgasthof, das er rasch organisiert hatte, und nahm selbst einen tiefen Zug.

„Weißt du, Konni“, sagte Schorsch, während er den Schaum von der Oberlippe wischte und entspannt zum Turm hochblickte, „der Juli ist eben ein ehrlicher Monat. Da braucht’s keine Planetentöne. Da braucht’s Sonne, gescheites Bier und eine Uhr, die schlägt, wenn’s Zeit für die Brotzeit ist.“
„So ist es, Schorsch“, sagte ich, stieß mit ihm an und genoss den kühlen Schluck. „Prost auf den Kirchehrenbacher Juli. Möge er uns seine gewohnten Frequenzen erhalten.“