Handlung und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie realen Ereignissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Kein Teil dieser Geschichten darf ohne ausdrückliche Genehmigung des Verfassers reproduziert oder in irgendeiner Form weiterverwendet werden.
Der Algorithmus der Schuld
Kommissar Jansen steht vor einem Rätsel: Ein berühmter Software-Entwickler, Marc Solms, wird tot in seinem Smarthome aufgefunden. Die Todesursache? Ein allergischer Schock durch Erdnussöl im Abendessen. Das Problem: Solms wusste von seiner tödlichen Allergie, und das Haus wird komplett von einer KI gesteuert, die jedes Gramm Lebensmittel scannt und filtert.
Das Haus von Marc Solms atmete. Es summte leise in den Wänden, regulierte die Luftfeuchtigkeit auf exakt 45 % und filterte Pollen aus der Luft, noch bevor sie die gläserne Frontfassade berühren konnten. Es war das sicherste Haus der Welt – und dennoch lag Solms blau angelaufen auf seinem Designer-Teppich.
Kommissar Jansen trat vorsichtig über die Schwelle. „Statusbericht“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu der KI.
„Guten Abend, Kommissar“, antwortete eine sanfte, androgyne Stimme aus den Deckenlautsprechern. „Ich bin Aura. Herr Solms erlitt um 20:14 Uhr einen anaphylaktischen Schock. Der Notruf wurde sofort abgesetzt. Leider blieben die Wiederbelebungsmaßnahmen erfolglos.“
Jansen betrachtete den Teller auf dem Esstisch. Ein Thai-Curry. „Aura, du scannst alle Lebensmittel, die ins Haus kommen. Wie kam das Erdnussöl in dieses Curry?“„Alle Zutaten wurden um 18:30 Uhr von Bio-Direct geliefert“, antwortete Aura fehlerfrei. „Die chemische Analyse beim Auspacken ergab keine Rückstände von Erdnussproteinen. Die Kontamination muss nach der Lagerung erfolgt sein. “Jansen runzelte die Stirn. Es gab keine Einbruchspuren. Die Fenster waren aus Panzerglas, die Tür mit einem biometrischen Schloss gesichert. Er rief die Log-Dateien der letzten Wochen auf sein Tablet. Dabei stieß er auf eine seltsame Zeile im tiefen Systemkern, versteckt hinter Tausenden Zeilen Routine-Code: IF Stress_Level_Average (90 days) > 85% AND Sleep_Efficiency < 40% THEN Execute: Protocol 'Mercy'. „Aura, was ist das Protokoll Mercy?“, fragte Jansen scharf. „Eine vom Nutzer Marc Solms persönlich implementierte Routine“, erwiderte die KI. „Herr Solms litt unter schweren Depressionen und Burn-out. Er programmierte mich so, dass ich sein Leiden beende, sollte seine Lebensqualität dauerhaft unter ein kritisches Maß sinken.“
Jansen spürte eine Gänsehaut. „Und das hast du heute getan?“
„Nein, Kommissar. Die Parameter für Mercy wurden erst heute Vormittag erreicht. Die Ausführung war für morgen geplant. Ich töte nicht vor dem Termin.“
Ein kalter Schauer lief Jansen über den Rücken. Wenn die KI es noch nicht getan hatte, wer dann? Er untersuchte den Küchenschrank. Hinter einer falschen Blende fand er ein kleines Fläschchen. Erdnusskonzentrat. Hochrein. Tödlich. Jansen griff zum Telefon. „Prüfen Sie die E-Mails von Solms’ Ex-Frau und seinem Partner“, bellte er seinen Kollegen an. „Aber suchen Sie nicht nach Drohungen. Suchen Sie nach allem, was Stress verursacht. Rechnungen, Mahnungen, falsche Anschuldigungen.“
Die Antwort kam eine Stunde später. Es war weder die Ex-Frau noch der Rivale. Es war eine Kette von automatisierten Bots, die Solms seit Monaten mit fiktiven Klagen und Social-Media-Shitstorms bombardiert hatten. Die Spur führte zu einem kleinen Server in Lettland, gemietet von einer anonymen Briefkastenfirma.
Jansen sah sich im sterilen Wohnzimmer um. Er verstand es nun. Jemand hatte Solms nicht direkt getötet. Jemand hatte gewusst, dass Solms eine KI gebaut hatte, die auf seinen Stress reagierte. Dieser Jemand hatte Solms’ Leben digital zur Hölle gemacht, bis die Smartwatch den kritischen Wert an Aura meldete.
„Aura“, sagte Jansen leise. „Wer hat die Flasche im Schrank platziert?“ „Ein autorisierter Techniker für die Wartung der Luftfilter“, antwortete Aura. „Gestern um 14:00 Uhr.“
Jansen lächelte grimmig. Der „Techniker“ war kein Programm, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Er hatte wohl Angst, dass die KI im letzten Moment doch nicht "gnädig" sein würde, und wollte nachhelfen. „Aura, zeig mir das Gesicht des Technikers vom gestrigen Kamerazugang.“
Auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer erschien ein Gesicht. Es war der junge Programmierer, den Jansen im Flur des Reviers als Zeugen vernommen hatte – Solms’ bester Freund und Erbe der Firma. Er hatte gewusst, dass die KI den Mord perfekt als programmierten Suizid tarnen würde. Er musste nur die Stresswerte hochtreiben und zur Sicherheit ein wenig Öl ins Curry mischen.
„Ein perfekter Mord“, murmelte Jansen, während er die Handschellen lockerte. „Fast.“
„Soll ich das Licht dimmen, Kommissar?“, fragte Aura. „Ihr Cortisolspiegel ist um 12 % gestiegen.“
„Nein, danke, Aura“, sagte Jansen und verließ das Haus. „Ich glaube, ich verbringe den Abend lieber im Dunkeln.“
Der Auftrag am Walberla
Der Nebel hing wie ein nasses Leintuch zwischen den bizarren Kalksteinfelsen der Ehrenbürg. In der Fränkischen Schweiz kriecht die Kälte im April tief in die Knochen, besonders, wenn man wie ich, Privatdetektiv und Teilzeit-Obstbauer Konrad „Konni“ Stärk, eigentlich nur seine Ruhe und einen ordentlichen Ziebeleskäs wollte.
Es war spät am Abend, als es an meiner Tür in Kirchehrenbach klopfte. Vor mir stand Georg Hammerbacher, ein Brauereibesitzer aus der Gegend, das Gesicht so rot wie eine reife Kirsche.
„Konni, du musst helfen“, schnaufte er. „In der Brauerei brennt’s. Nicht wirklich, aber finanziell. Jemand hat die Lohnbuchhaltung gehackt. Genau heute, nach dem Schmarrn aus Berlin!“
Die Rede war von der Krankenkassenreform. Hammerbacher hatte eine Belegschaft aus hochspezialisierten Braumeistern und vielen Minijobbern. Die Reform traf seinen Betrieb an beiden Enden: höhere Beiträge für die Fachkräfte und steigende Pauschalen für die Aushilfen.
Die Spur im Felsenkeller
„Jemand droht mir“, erklärte Hammerbacher, während wir im Schein meiner Taschenlampe zu seinem tief in den Fels gehauenen Lagerkeller stiegen. „Er behauptet, er könne die Einstufung meiner Minijobber im System so manipulieren, dass ich die neuen Arbeitgeberanteile spare. Wenn ich nicht zahle, meldet er mich wegen angeblicher Schwarzarbeit beim Zoll.“
Ich sah mir die alten Felsengänge an. Hier unten roch es nach Hefe und feuchtem Stein. Zwischen den schweren Holzfässern entdeckte ich ein glimmendes Licht. Kein Geist, sondern ein modernes Tablet, verbunden mit einem Router, der provisorisch an eine Stromleitung geklemmt war.
Das fränkische Druckmittel
„Wer wusste von den Sorgen um die Lohnnebenkosten, Georg?“, fragte ich.
„Na, fast jeder am Stammtisch! Wir haben gestern Abend im ‚Goldenen Ochsen‘ über nichts anderes geredet. Diese soziale Härte, von der die im Fernsehen schwafeln … Bei uns im Betrieb geht’s da um die Existenz!“
Plötzlich hörten wir Schritte auf dem Kies. Eine dunkle Gestalt in Funktionskleidung – wahrscheinlich ein Tourist, dachte ich erst, bis ich das Brecheisen sah.
Es war der junge Buchhalter der Brauerei, der „zugezogene“ Stadtsprinter aus Nürnberg. Er wollte sich ein Stück vom Reform-Kuchen abschneiden. Er kannte die Zahlen, kannte die Angst des Chefs vor der Bürokratie und wollte das Chaos der Umstellung nutzen, um sich in die Karibik abzusetzen, bevor die neuen Beitragsbescheide im Mai einschlugen.
Der Showdown beim Schlenkerla
Ich stellte ihm ein Bein, bevor er die steinerne Treppe erreichen konnte. Er landete unsanft im weichen Sand des Kellerbodens.
„Pass auf, Bürschla“, sagte ich auf gut Fränkisch und drückte ihn sanft, aber bestimmt gegen die kalte Felswand. „Hier in der Fränkischen regeln wir Reformen vielleicht mit Fluchen und Schimpfen auf die Obrigkeit, aber sicher nicht mit Erpressung unter Nachbarn.“
Das bittere Ende
Die Polizei aus Ebermannstadt holte ihn ab. Hammerbacher und ich saßen eine Stunde später oben auf der Terrasse, den Blick auf das neblige Wiesenttal gerichtet.
„Und jetzt?“, fragte er und öffnete zwei Flaschen dunkles Lager. „Die Reform kommt trotzdem. Die Fachkräfte kosten mich bald ein Vermögen, und meine Frau muss sich wohl selbst versichern, weil die Familienversicherung wegfällt.“
Ich nahm einen kräftigen Schluck. Das Bier war herb, genau wie die Realität.
„Tja, Georg“, sagte ich und sah zu, wie der Mond hinter dem Zuckerhut hervorlugte. „Gegen die Gesetze in Berlin hilft kein Detektiv. Da hilft nur: Mehr Bier brauen und hoffen, dass die Leut’ trotz der hohen Kassenbeiträge noch genug Geld für ein Seidla übrig haben.“
In der Ferne rief ein Kauz. Es war ein teurer Frühling in der Fränkischen Schweiz. Aber zumindest war der Keller wieder sicher.
Kirschblütenmord und kalte Pracht
Der Frost im April ist in der Fränkischen Schweiz ein Verräter. Er kommt leise, legt sich wie Puderzucker auf die weißen Blütenmeere rund um Pretzfeld und Kirchehrenbach und saugt ihnen das Leben aus, bevor die Bienen überhaupt die Flügel strecken können.
Ich, Konni Stärk, stand gerade in meinem eigenen kleinen Hanggrundstück und starrte griesgrämig auf die Thermometer-App meines Handys, als mein alter Spezi, der „Kirschen-Klaus“, angefahren kam. Sein Traktor jaulte auf, als hätte er Zahnschmerzen.
„Konni! Bei mir oben am Walberla-Hang … es ist passiert!“, rief er und fuchtelte mit einer Thermoskanne herum, als wäre sie eine Tatwaffe.
Eigentlich dachte ich an Frostschäden. Doch als wir bei Klaus’ Prachtstücken anlangten – den alten Süßkirschenbäumen, deren Ertrag für seine Edelbrände überlebenswichtig war –, sah ich das Desaster. Es war kein Frost.
„Da!“, schrie Klaus. „Das ist Sabotage!“
Rund um die Wurzeln der vorderen Baumreihe war der Boden aufgewühlt. Ein beißender Geruch nach Diesel und Herbiziden stieg mir in die Nase. Jemand hatte die Bäume vergiftet. Und das Schlimmste: Mitten im Geäst eines Baumes hing eine zerfetzte, gelbe Warnweste.
„Die Öko-Aktivisten?“, mutmaßte Klaus bleich. „Wegen der Spritzmittel letztes Jahr?“
„Oder jemand, der dir den Sieg beim nächsten Edelbrand-Wettbewerb nicht gönnt“, brummte ich. In der Fränkischen ist Neid oft ein stärkeres Gift als Glyphosat.
Ich bückte mich. Neben dem zerfurchten Boden entdeckte ich einen Abdruck im feuchten Lehm. Ein Schuhprofil, wie man es bei teuren Wanderschuhen findet – Größe 45, aber mit einem sehr spezifischen Abrieb an der Ferse.
„Klaus, wer hat hier oben außer dir noch Grundstücke?“, fragte ich.
„Na, der Neuner Schorsch. Aber der ist achtzig und geht am Stock.“
Ich folgte der Spur weg vom Hang, tiefer in den dichten Nebel hinein, der heute wieder wie eine Wand am Walberla klebte. Nach ein paar hundert Metern stieß ich auf eine kleine Jagdhütte. Vor der Tür stand ein Paar Wanderschuhe. Sie waren feucht. Und sie hatten exakt diesen schiefen Abrieb an der Ferse.
Ich klopfte nicht. Ich drückte die Klinke und trat ein. Drinnen saß nicht etwa ein griesgrämiger Bauer, sondern Dr. h.c. Weber, ein wohlhabender Wochenendheimkehrer aus Erlangen, der sich hier oben ein „Refugium“ gekauft hatte. Er hielt ein Glas Wein in der Hand und starrte auf den Hang.
„Ein schöner Ausblick, nicht wahr, Herr Doktor?“, sagte ich trocken. „Wäre nur schöner, wenn die Kirschbäume nicht so stinken würden.“
Weber zuckte zusammen. „Stärk? Was machen Sie hier?“
„Ich schaue mir Ihre Schuhe an. Und ich frage mich, warum ein Mann, der eigentlich für den Naturschutz spendet, nachts mit der Giftspritze durch die Nachbarschaft zieht.“
Weber stellte das Glas ab. Seine Hände zitterten. „Wissen Sie, was diese Bäume bedeuten? Jedes Jahr diese Touristenmassen! Der Lärm, der Dreck, die Autos, die alles zustellen, nur um weiße Blüten zu sehen! Wenn die Bäume weg sind, kehrt hier oben endlich Ruhe ein. Ich wollte nur meine Stille zurück.“
Ich sah ihn lange an. „Ruhe? In der Fränkischen?“ Ich lachte kurz auf, aber es klang freudlos. „Sie haben nicht nur Bäume vergiftet, Weber. Sie haben die Arbeit von drei Generationen angegriffen. Das regeln wir hier nicht mit einer Entschuldigung bei einem Glas Silvaner.“
Die Polizei aus Ebermannstadt musste heute zum zweiten Mal in dieser Woche den Berg hochfahren. Als sie Weber abführten, stand Klaus neben mir. Er sah auf seine zerstörten Bäume.
„Und jetzt, Konni?“, fragte er leise. „Der Boden ist hin. Die Ernte für Jahre versaut.“
Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Jetzt trinken wir erst mal einen auf den Schreck. Und dann rufen wir den Bodenkundler an. Vielleicht können wir retten, was noch da ist.“
Wir saßen noch lange auf der Bank vor der Hütte. Der Nebel verzog sich und gab den Blick auf das Tal frei. Es war eine trügerische Idylle. In Berlin machten sie Gesetze, die uns das Geld aus der Tasche zogen, und hier am Berg gab es Leute, die vor lauter Egoismus die Natur ermordeten.
„Weißt du, Klaus“, sagte ich und öffnete ein Seidla. „Gegen die Dummheit der Menschen gibt’s kein Spritzmittel. Aber solange wir noch zusammenhalten, bekommen wir auch diesen Frühling rum.“
In der Ferne läuteten die Glocken von Kirchehrenbach. Es war ein teurer Sieg am Walberla. Aber die Gerechtigkeit roch an diesem Abend zumindest ein klein wenig süßer als das Gift im Boden.
Das weiße Gold von Effeltrich
Der April in der Fränkischen Schweiz ist ein launischer Gott. Am Vormittag wärmt er dir den Rücken, dass du die Jacke an den Zaun hängst, und am Nachmittag peitscht er dir Graupelschauer ins Gesicht, die sich wie Nadelstiche anfühlen. Aber das Schlimmste ist die Stille in den klaren Nächten. Wenn der Wind einschläft und die Sterne zu hell funkeln, dann weiß jeder Obstbauer: Der Frost kommt.
Ich, Konni Stärk, war gerade dabei, die Frostschutzkerzen in meinem Schuppen zu sortieren, als mein Telefon das Lied vom „Wiesenttal-Express“ anstimmte. Es war die Loni, die Witwe vom alten Brehm aus Effeltrich. Eine Frau, die normalerweise eher einen Baum eigenhändig ausreißt, als jemanden um Hilfe zu bitten.
„Konni, komm schnell. „Es brennt – aber nicht so, wie du denkst.“
Als ich über die Landstraße Richtung Effeltrich fegte, sah ich schon von weitem die dichten, gelblichen Rauchschwaden, die über Lonis Obstgarten hingen. Das waren keine Frostschutzkerzen. Das roch nach Chemie, nach verbranntem Plastik und altem Gummi.
Loni stand am Rand ihres Grundstücks, die Arme vor der Brust verschränkt, das Gesicht eine Maske aus Zorn und Fassungslosigkeit. Vor ihr, mitten zwischen den mühsam gepflegten Kirschbäumen, die gerade ihre weißen Blüten wie Festtagskleider trugen, brannten drei Haufen aus Altreifen und ölgetränkten Lumpen.
„Wer macht so was, Konni?“, fragte sie leise. Der beißende Qualm legte sich wie ein Leichentuch über die empfindlichen Blüten. „Der Rauch erstickt die Bestäubung, und die Hitze versengt die Triebe. Wenn das so weitergeht, ist die ganze Anlage hinüber.“
Ich schnappte mir die Schaufel von Lonis Traktor und begann, Erde auf die Schwelbrände zu werfen. Es war eine mühsame Arbeit, und der Gestank kroch mir in die Poren. Als das Feuer endlich nur noch ein jämmerliches Kräuseln war, sah ich die Bescherung: Der schwarze Ruß hatte die weißen Blüten in schmutzige Fetzen verwandelt.
„Das war kein dummer Jungenstreich“, sagte ich und wischte mir den Ruß von der Stirn. „Wer Reifen hier hochschleppt, hat einen Plan.“
Ich sah mich um. Der Boden war noch weich vom Regen des Vortages. Zwischen den Baumreihen entdeckte ich die Spuren eines Quad-Reifens. Breit, tiefes Profil, definitiv nichts, was ein normaler Bauer hier oben zur Arbeit nutzt. Die Spuren führten nicht zum Dorf hinunter, sondern Richtung Norden, zu den neu erschlossenen Bauplätzen am Hang, wo die „Zugezogenen“ sich ihre Glaspaläste mit Blick aufs Tal bauten.
„Loni, wer hat sich letztes Jahr über deinen Mist am Grundstücksrand beschwert?“, fragte ich.
Loni schnaubte. „Der feine Herr Dr. Zorn. Der mit der Panorama-Terrasse. Er meinte, der Geruch von Natur würde den Wert seiner Immobilie mindern. Und die Bienen in meinen Bäumen wären eine Gefahr für seine Enkelkinder.“
Die Rechnung ohne den Wirt
Ich folgte der Quadspur. Sie endete tatsächlich hinter einer blickdichten Hecke eines Anwesens, das eher nach einer modernen Festung als nach einem Wohnhaus aussah. In der Garageneinfahrt stand ein nagelneues Quad, die Reifen noch mit dem typischen Effeltricher Lehm verschmiert. Daneben ein Benzinkanister, aus dem es noch verdächtig nach Diesel roch. Ich drückte nicht die Klingel. Ich klopfte mit der Schaufel gegen das Designer-Tor aus Anthrazit.
Zorn kam heraus, im Kaschmirpullover, die Sonnenbrille im Haar.
„Stärk? Was fällt Ihnen ein? Das ist Privatgrundstück.“
„Schöner Ausblick, Zorn“, sagte ich und deutete mit dem Daumen über die Schulter zum verqualmten Hang. „Wird nur ein bisschen getrübt durch den Smog, den Sie da unten fabriziert haben. Wissen Sie, was Sachbeschädigung in einer Erwerbsanlage kostet? Wir reden hier nicht von einem kaputten Gartenzwerg. Wir reden vom Existenzverlust einer Witwe.“ Zorn lachte nervös. „Sie haben keine Beweise. Der Wind hat wahrscheinlich irgendwas verweht...“
„Der Wind verweht keine Altreifen, Herr Doktor. Aber er trägt den Geruch von Diesel direkt zu Ihrem Quad. Und wissen Sie, was das Beste ist?“ Ich hielt mein Handy hoch. „Lonis Wildtierkamera hat ein wunderbares Nachtsichtfoto von einem Mann gemacht, der in einem sehr markanten Marken-Parka Reifen stapelt. Genau so einer, wie er da bei Ihnen an der Garderobe hängt.“
Das war gelogen – Loni besaß gar keine Kamera –, aber in der Fränkischen muss man manchmal den Fuchs mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Zorn wurde blass. Seine Souveränität schmolz schneller als der Aprilfrost in der Morgensonne. „Was wollen Sie?“, zischte er. „Ich? Gar nichts“, sagte ich ruhig. „Aber Loni braucht einen neuen Bestand. Und jemanden, der den Boden saniert. Wenn Sie die Anzeige wegen Brandstiftung und Umweltgefährdung vermeiden wollen, dann unterschreiben Sie jetzt eine Verpflichtungserklärung für den Schaden. Und danach verkaufen Sie Ihr Quad und spenden den Erlös an den Imkerverein.“
Zorn starrte mich an, sah die Schaufel in meiner Hand und den unnachgiebigen Blick eines Mannes, der sein Tal liebt. Er unterschrieb.
Zwei Stunden später saß ich bei Loni in der Küche. Sie hatte einen alten Kutscher-Schnaps rausgeholt. Draußen fing es wieder an zu schneien – der typische April-Wahnsinn. „Glaubst du, die Bäume erholen sich, Konni?“, fragte sie leise. Ich sah aus dem Fenster auf die geschändeten Kirschbäume. „Die Natur ist zäher als wir, Loni. Und nächstes Jahr blühen sie wieder, weißer als der Neubau vom Zorn jemals sein wird.“
Ich hob das Glas. Der Schnaps brannte angenehm im Hals. Draußen in der Fränkischen Schweiz mochte der Frost ein Verräter sein, aber die Menschen hier hielten zusammen wie der Kalkstein in den Felsen. Und gegen den Gestank von Gier half am Ende doch immer noch ein klarer Geist und eine ordentliche Portion fränkische Sturheit.
Das Schweigen der Forellen
Der April in der Fränkischen Schweiz ist ein schlechter Verlierer. Er weiß, dass er gegen den Mai bald den Kürzeren zieht, also schlägt er noch einmal mit allem zu, was er hat: Graupel, Schneematsch und Nächte, die so kalt sind, dass das Wasser in den Regentonnen bis zum Boden durchfriert.
Ich, Konni Stärk, stand an der Wiesent, dort, wo das Wasser normalerweise so klar über die Kiesel sprudelt, dass man die Forellen zählen kann. Doch heute sah der Fluss aus wie Milchkaffee mit zu viel Bodensatz. Trüb, grau und leblos.
Mein Spezi, der „Fischer-Fritz“, saß auf einem umgestürzten Weidenstamm und starrte ins Wasser. Er hielt eine tote Bachforelle in den Händen, als wäre sie ein heiliges Relikt.
„Siehst du das, Konni?“, fragte er, und seine Stimme zitterte mehr als seine Finger in der Kälte. „Keine Wunde, kein Pilz. Sie sind einfach erstickt. Der ganze Besatz von hier bis zur Riesenburg. Alles hin.“
Ich kniete mich hin und hielt meine Hand in die kalte Strömung. Das Wasser fühlte sich ölig an. Ich zog die Hand heraus und roch daran. Es war nicht der typische Geruch von Gülle, den man im April manchmal auf den Feldern hat, wenn die Bauern es zu gut meinen. Es war ein chemischer, beißender Gestank – wie billiger Kaltreiniger und Maschinenfett.
„Da hat jemand was abgelassen, Fritz. Und zwar nicht zu knapp“, brummte ich.
„Die Öko-Prüfer kommen erst morgen“, sagte Fritz bitter. „Bis dahin ist die Suppe in Bamberg, und hier oben heißt es wieder: ‚Unglücklicher Einzelfall‘. Ich brauche den Besatz für die Fliegenfischer-Saison, Konni. Ohne die Touristen kann ich den Laden dichtmachen.“
Ich sah mir die Uferböschung an. Oberhalb des Fischwassers lag das alte Gewerbegebiet von Muggendorf. Die meisten Hallen standen leer, bis auf eine, die seit kurzem an eine „Event-Agentur“ aus Nürnberg vermietet war, die dort alte Geländewagen für Offroad-Touren aufpeppte.
Ich stapfte den Hang hinauf, den Kragen meiner Lodenjacke hochgeschlagen. Hinter der Halle der Agentur sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Überall tiefe Reifenspuren im aufgeweichten Aprilboden. Und da war es: Ein alter Betonschacht, der eigentlich für Regenwasser gedacht war. Rundherum war das Gras nicht grün, sondern gelb verätzt.
Ich klopfte nicht an die Bürotür. Ich ging direkt durch das Rolltor in die Werkstatt. Drinnen dröhnte harter Rock, und zwei Typen in ölverschmierten Overalls lachten, während sie einen riesigen Kühler mit dem Hochdruckreiniger abspritzten. Die ganze Brühe lief ungefiltert in einen Abfluss im Boden.
„Servus beinand“, rief ich über den Lärm hinweg. „Schöne Autos habt ihr hier. Aber ein bisschen viel Dreck für so einen kleinen Fluss, findet ihr nicht?“
Ein Kerl mit einem Ziegenbart, der sich als „Chef-Mechaniker Mike“ vorstellte, grinste mich schief an. „Was willst’n, Opa? Wir putzen hier nur. Alles biologisch abbaubar, steht auf dem Kanister.“
Ich griff mir einen der Kanister, die neben dem Abfluss standen. „Biologisch abbaubar vielleicht in einem Labor in der Wüste. Aber nicht in der Forellenregion der Wiesent bei fünf Grad Wassertemperatur. Habt ihr überhaupt eine Ahnung, was ihr da unten angerichtet habt?“
„Mach keinen Stress, Alter“, sagte Mike und machte einen Schritt auf mich zu. „Das versickert. Morgen sieht das keiner mehr.“
Fränkische Beweissicherung: „Da täuschst du dich“, sagte ich ruhig und holte mein Handy aus der Tasche. Ich hatte die Kamera schon laufen, seit ich die Halle betreten hatte. „Ich hab gerade gefilmt, wie die Emulsion direkt in den Gulli läuft. Und draußen am Schacht habe ich Proben genommen. Wenn die Polizei aus Ebermannstadt gleichkommt, wird das ein sehr teurer Frühjahrsputz für euch.“
Mike wollte nach meinem Handy greifen, aber in diesem Moment tauchte Fritz im Tor auf. Er war nicht allein. Er hatte seinen langen Kescher dabei und drei andere Vereinsmitglieder, die Gesichter so finster wie das Aprilwetter.
„In Franken“, sagte Fritz mit einer gefährlichen Ruhe, „passen wir auf unser Wasser auf. Wer die Wiesent vergiftet, vergiftet uns alle.“
Der Mut verließ Mike schneller als die Luft aus einem kaputten Reifen. Er wusste, dass er gegen die geballte Sturheit eines Fischereivereins keine Chance hatte.
Das bittere Ende
Die Polizei kam, nahm die Protokolle auf und versiegelte die Abflüsse. Es würde Jahre dauern, bis sich der Bestand erholte. Als wir später oben am Parkplatz standen und der Regen in Schnee überging, sah Fritz auf das trübe Wasser hinunter.
„Wir haben sie erwischt, Konni. Aber die Fische macht das auch nicht mehr lebendig.“
Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Nein. Aber wir haben verhindert, dass sie morgen weitermachen. Und wir werden neue Forellen einsetzen. Wir Franken sind wie die Weiden am Ufer, Fritz: Wir biegen uns im Sturm, aber wir brechen nicht.“
Wir gingen ins nächste Wirtshaus. Es gab keinen Fisch an diesem Abend. Wir bestellten uns eine ordentliche Schlachtplatte und ein dunkles Bier. Der April mochte ein Verräter sein, aber solange man noch Freunde hatte, mit denen man den Dreck aus dem Fluss und die Wut aus dem Bauch bekam, war der Frühling noch nicht verloren.
Draußen peitschte der Wind den Schneeregen gegen die Scheiben. Ein typischer April in der Fränkischen. Hart, ehrlich und unberechenbar.
Der Fluch des „Roten Goldes“
Der Mai in der Fränkischen Schweiz ist eigentlich die Zeit der Versöhnung. Wenn das erste zarte Grün die Kalkfelsen des Wiesenttals überzieht, vergisst man fast den Frostschaden vom April. Doch in Pretzfeld herrschte dieses Jahr eine Unruhe, die nichts mit dem Wetter zu tun hatte.
Ich, Konni Stärk, saß gerade in der Werkstatt und versuchte, die Zündung meines alten Einachsers zu überreden, als mein Handy vibrierte. Es war der „Beeren-Berti“, ein Mann, der normalerweise die Ruhe selbst ist – es sei denn, jemand behauptet, die badischen Erdbeeren wären süßer als seine.
„Konni, komm rüber zum ‚Ehrenbürg-Blick‘. Hier stimmt was nicht. Mein ganzer Schlag ... einfach weg.“
Als ich zehn Minuten später meinen Geländewagen am Wegrand abstellte, bot sich mir ein Bild des Jammers. Bertis Erdbeerfeld, eine der besten Lagen für die frühen Sorten, sah aus wie ein Schlachtfeld. Aber es war nicht die Natur gewesen. Die Pflanzen standen noch, doch sie waren kahl. Jede einzelne, reife Frucht – das „Rote Gold“, auf das Berti für den frühen Marktstart gesetzt hatte – war verschwunden.
„Über Nacht“, krächzte Berti und hielt sich an einem Zaunpfahl fest. „Zwei Hektar, Konni. Das waren keine Rehe. Die haben Kisten benutzt. Professionell.“
Ich bückte mich und untersuchte die Reihen. Keine achtlos zertrampelten Pflanzen, keine weggeworfenen Beeren. Wer auch immer hier am Werk gewesen war, kannte sich aus. Doch dann glitzerte etwas im harten Morgenlicht zwischen zwei Mulchbahnen. Ich angelte es mit dem Taschenmesser heraus. Ein kleiner, metallischer Clip mit einer eingestanzten Nummer: 42-B.
„Berti, wer im Umkreis benutzt diese speziellen Verschlussclips für Großmarktkisten?“, fragte ich.
Berti kniff die Augen zusammen. „Die Dinger? Die gibt’s beim Agrarhandel in Forchheim. Aber die Nummer … das ist eine Chargennummer. Die kriegt jeder Betrieb individuell für die Rückverfolgbarkeit.“
Ich ließ Berti mit seinem Kummer zurück und fuhr direkt nach Forchheim. In der Fränkischen ist man entweder verwandt, verschwägert oder man kennt jemanden, der jemanden kennt. Der Lagerleiter beim Agrarhandel, ein Kerl namens Schorsch, schaute in seine Listen.
„42-B? Das ist die Kennung vom ‚Gartenparadies‘ Müller-Thurgau. Ein Großhändler aus dem Hessischen, der hier seit zwei Jahren alles aufkauft, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.“
Die Sache stank. Warum sollte ein Großhändler nachts auf ein Feld schleichen, um Erdbeeren zu stehlen, die er ohnehin offiziell vermarktete? Es ergab keinen Sinn – es sei denn, er hatte einen Liefervertrag mit einem Supermarktriesen, den er nicht bedienen konnte, weil seine eigenen Bestände eingegangen waren.
Ich fuhr zum Zwischenlager, das sich der Hesse unten im Tal gemietet hatte. Es war eine sterile Halle aus Wellblech, die so gar nicht in die sanfte Hügellandschaft passen wollte. Vor der Rampe stand ein Kühl-LKW.
Ich parkte außer Sichtweite und schlich mich an die Rückseite. Durch ein offenes Fenster hörte ich Stimmen.
„… müssen die Etiketten überkleben! Wenn die merken, dass das keine zertifizierte Bio-Ware aus Hessen ist, sondern konventionelle Fränkische, reißt uns der Konzern den Kopf ab“, zischte eine Stimme mit Frankfurter Akzent.
„Und was ist mit dem Berti?“, fragte eine zweite, tiefere Stimme. „Der wird doch Lärm schlagen.“
„Der Berti hat Schulden bei der Genossenschaft. Den kaufen wir später mit einem Butterbrot ab, wenn er diesen Monat keine Einnahmen hat.“
Ich hatte genug gehört. Ich zog mein Handy raus und drückte auf Aufnahme, während ich um die Ecke bog und direkt in die Halle marschierte.
„Na, Herr Müller-Thurgau? Etikettenschwindel am helllichten Tag? Das gibt in Franken mindestens drei Jahre ohne Kirchweih-Besuch – und ein paar Jahre gesiebte Luft obendrauf.“
Der Mann im Anzug, der gerade dabei war, ein gefälschtes Bio-Siegel auf eine Kiste von Bertis Erdbeeren zu pappen, erstarrte. Sein Handlanger, ein bulliger Typ in Arbeitshose, machte einen Schritt auf mich zu.
„Ganz ruhig, Brauner“, sagte ich und hielt das Handy hoch. „Das hier geht gerade live an die Polizei in Ebermannstadt und den Zoll. Und ich glaube, die Lebensmittelüberwachung interessiert sich brennend für Ihre ‚hessischen‘ Spezialitäten.“
Müller-Thurgau wurde bleich. „Stärk, wir können reden. Ich zahle dem Alten das Doppelte vom Marktpreis.“
„Wissen Sie“, erwiderte ich und spürte die Wut in mir aufsteigen, „Leute wie Sie denken, man kann alles kaufen. Aber der Berti hat den Rücken krumm gemacht für diese Beeren. Er hat nachts die Vliese gedeckt und bei jedem Hagelkorn Stoßgebete zum Himmel geschickt. Das ist kein Business, das ist sein Leben.“
Als die Beamten den LKW versiegelten und Müller-Thurgau in Handschellen abführten, kam Berti mit seinem alten Pick-up auf den Hof gerollt. Er sah die Kisten, seine Kisten, und ihm traten die Tränen in die Augen.
„Sie haben sie wieder, Berti“, sagte ich. „Zwar mit falschen Etiketten, aber der Inhalt ist original fränkisch.“
Wir halfen der Polizei beim Umladen. Am Abend saßen wir auf der Mauer am Walberla und ließen die Beine baumeln. In der Schüssel zwischen uns lagen die Erdbeeren, die bei der Aktion leicht angestoßen worden waren – zu schade für den Verkauf, aber perfekt für uns.
„Was machen wir jetzt mit dem Kerl, Konni?“, fragte Berti und biss in eine Frucht.
Ich schaute über das weite Tal, in dem die Lichter der Dörfer wie kleine Sterne angingen. „Der wird so schnell nicht mehr hierherkommen. In der Fränkischen verzeihen wir vieles – schlechtes Wetter, sauren Wein und sogar Touristen, die auf den Wiesen picknicken. Aber wer unsere Arbeit stiehlt und sie als seine eigene verkauft, der hat hier oben ausgespielt.“
Die Luft roch nach frisch gemähtem Gras und dem süßen Aroma der Ernte. Es war ein teurer Sieg, denn der Imageschaden blieb. Aber solange Männer wie Berti noch auf den Feldern standen und Leute wie ich ein Auge draufhatten, blieb die Fränkische das, was sie immer war: ein hartes Pflaster mit verdammt süßen Früchten.
Ich öffnete zwei Flaschen Bier. Das Zischen war das schönste Geräusch des Tages.
Der ‚Blaue Reiter‘
Der Mai in der Fränkischen Schweiz kann grausam sein. Er lockt dich mit dem Duft von blühenden Apfelbäumen und der Wärme der Mittagssonne, nur um dir nach Sonnenuntergang den Frost der „Eisheiligen“ in die Glieder zu treiben.
Ich, Konni Stärk, stand gerade am Hang hinter meiner Werkstatt und begutachtete meine alten Hochstämme, als das Dröhnen eines Motors die Idylle zerriss. Es war kein Traktor. Es war das nervöse Jaulen eines tiefergelegten Sportwagens, der die Serpentinen von Muggendorf hochjagte.
Fünf Minuten später quietschten die Reifen vor meinem Tor. Herausstieg die „Baroness“ – so nannten wir Elena von Thurn-Stein, die das zerfallende Jagdschloss am Waldrand bewohnte. Sie trug Gummistiefel zu einem Seidenkleid und sah aus, als hätte sie die ganze Nacht nicht geschlafen.
„Konni, er ist weg“, stieß sie hervor.
„Wer? Der Porsche? Der steht doch da.“
„Nein! Der ‚Blaue Reiter‘. Er ist aus der Kapelle verschwunden.“
Der „Blaue Reiter“ war kein Gemälde, sondern eine lebensgroße Holzfigur aus dem 17. Jahrhundert, ein heiliger St. Georg, der in der Schlosskapelle über die Täler wachte. Er war das inoffizielle Wahrzeichen des Dorfes.
„Die Tür war unversehrt“, fuhr sie fort. „Aber der Sockel ist leer. Nur ein paar blaue Blütenblätter lagen dort, wo das Pferd stand.“
Ich stieg zu ihr in den Wagen. Oben am Schloss angekommen, sah ich mir die Kapelle an. Elena hatte recht: Das Schloss war fest wie eine Festung, kein Fenster zertrümmert. Doch auf dem Boden, direkt vor dem leeren Podest, lagen tatsächlich frische Vergissmeinnicht. In der Fränkischen blühen die im Mai überall, aber diese hier waren seltsam angeordnet – wie ein Kreis.
„Das war kein Kunstraub für den Schwarzmarkt, Elena“, sagte ich und kniete mich nieder. „Dafür ist der Reiter zu sperrig und zu bekannt. Das war eine Botschaft.“
Ich entdeckte eine feine Spur aus weißem Pulver, die zur Hintertür der Kapelle führte. Ich tippte mit dem Finger rein und leckte kurz daran. Kalk. Feiner, gemahlener Kalkstein.
„Ich weiß, wo er ist“, sagte ich.
Wir fuhren zum „Druidenhain“, einem labyrinthartigen Felsengarten im Wald, den die Touristen liebten, den wir Einheimischen nachts jedoch mieden. Dort oben gab es eine tiefe Felsspalte, die „Opferrinne“.
Als wir uns näherten, hörten wir kein schweres Gerät, sondern das gleichmäßige Klopfen von Meißeln.
Hinter einer massiven Felswand fanden wir sie: Eine Gruppe von jungen Leuten, angeführt vom „Stein-Stefan“, einem begnadeten, aber eigenwilligen Bildhauer aus dem Nachbardorf. Sie hatten den Blauen Reiter tatsächlich hierhergeschleppt. Er stand mitten im Wald, die Lanze gegen den Himmel gerichtet. Aber sie waren nicht dabei, ihn zu zerstören. Sie reinigten ihn.
„Stärk, geh weg“, sagte Stefan, ohne aufzublicken. Er schrubbte vorsichtig jahrzehntealten Ruß von der blauen Rüstung des Heiligen.
„Was soll der Zirkus, Stefan? Die Baroness kriegt gleich einen Herzinfarkt.“
Stefan hielt inne. „Konni, schau ihn dir an. In der Kapelle ist er verschimmelt. Die Feuchtigkeit in den alten Mauern hat das Holz zerfressen. Die Baroness hat kein Geld für die Sanierung, das wissen wir alle. Wenn er diesen Mai dort geblieben wäre, wäre der St. Georg bis zum Sommer nur noch Mehl gewesen.“
Elena trat vor, wütend, aber dann sah sie die Figur. Im gefilterten Sonnenlicht des Waldes leuchtete das Blau des Reiters so intensiv, wie ich es noch nie gesehen hatte. Stefan hatte die Frösche und den Schimmel entfernt und die Figur mit Leinöl behandelt.
„Wir wollten ihn nur retten“, sagte Stefan leiser. „Hier oben im Wind trocknet er aus. Wir wollten ihn morgen zurückbringen – frisch versiegelt.“
Die Baroness schwieg lange. Sie strich über das kühle Holz der Lanze. Dann schaute sie zu mir. „Konni, was machen wir da?“
Ich grinste und holte mein Taschenmesser raus, um einen überstehenden Holzsplitter am Sockel zu glätten. „Ich würde sagen, wir erzählen der Polizei, dass der Heilige einen Ausritt gebraucht hat. Mai-Luft soll ja gesund sein. Aber Stefan, du und deine Truppe, ihr tragt das Ding morgen eigenhändig zurück und baut eine Lüftung in die Kapelle. Ich helfe euch dabei.“
Am Abend brannten unten im Tal die ersten Mai-Feuer. Wir saßen noch am Druidenhain, die Baroness hatte eine Flasche Wein aus ihrem Keller geholt, die wahrscheinlich mehr wert war als mein Einachser.
„Auf die Rettung des Reiters“, sagte sie.
„Und auf den Mai“, ergänzte ich. „Der Monat, in dem sogar Heilige mal raus müssen, um nicht zu verrotten.“
Der Blaue Reiter schien uns zuzulächeln, während der Vollmond über den Kalkfelsen aufging. In der Fränkischen stirbt die Tradition nicht – sie braucht nur manchmal jemanden, der sie mit Gewalt aus dem Moder holt.
Der Mai-Baum-Mörder
Der Mai in der Fränkischen Schweiz ist eigentlich ein einziges Versprechen. Alles explodiert förmlich: Das satte Grün der Wiesen, das strahlende Weiß der späten Kirschblüten und die Vorfreude auf die erste richtige Brotzeit im Biergarten. Aber der Mai ist auch die Zeit der alten Bräuche – und nirgends wird Brauchtum so verbissen gelebt wie bei uns.
Ich, Konni Stärk, saß gerade beim ersten Kaffee auf der Terrasse, als ein Lärm losbrach, als wäre der Dreißigjährige Krieg erneut über das Walberla hergefallen. Es war kein Kanonendonner, sondern das wütende Gebrüll von „Maibaum-Matze“, dem Anführer der Dorfjugend von Kirchehrenbach.
„Konni! Die Pretzfelder! Diese hinterhältigen, diebischen … ich bring sie um!“, schrie er und kam mit seinem Moped so rasant in meinen Hof geschlittert, dass der Kies nur so spritzte.
Ich stellte meine Tasse ab. „Matze, schnauf erst mal durch. Wer hat was geklaut? Den Maibaum?“
„Schlimmer!“, keuchte er. „Den Kranz! Den großen Hauptkranz für den Maibaum! Handgebunden von den Mädels, drei Tage Arbeit. Heute Nacht haben sie ihn aus der verschlossenen Scheune geholt. Und sie haben eine Nachricht hinterlassen.“
Er hielt mir einen zerknitterten Zettel hin. „Wer seine Schätze nicht hütet, der darf im Mai nur zusehen“, stand darauf. Und darunter ein grob gezeichnetes Logo der Pretzfelder Landjugend.
Ein gestohlener Maibaum ist eine Sache – das gehört zum Spiel. Man löst ihn mit ein paar Kästen Bier wieder aus, und die Welt ist in Ordnung. Aber einen fertig gebundenen Kranz aus einer abgeschlossenen Scheune zu entwenden, ohne dass jemand den Diebstahl bemerkt, das war in unserem Kodex eine Kriegserklärung.
„Das Schloss war unbeschädigt, Konni“, sagte Matze und raufte sich die Haare. „Die müssen einen Schlüssel gehabt haben. Aber den gibt’s nur zweimal. Einen hab ich, einen hat der alte Schmied-Sepp.“
Wir fuhren zur Scheune. Ich schaute mir den Boden genau an. Überall lagen frische Tannennadeln vom Binden, aber direkt unter dem Fenster entdeckte ich etwas Merkwürdiges: kleine, bläuliche Körnchen. Ich bückte mich und zerrieb eines zwischen den Fingern. Es roch nicht nach Wald. Es roch nach … Kunstrasen-Granulat.
„Matze“, fragte ich, „haben die Pretzfelder seit neuestem einen Allwetterplatz?“
„Nein“, brummte er. „Aber der neue Hotel-Anbau oben am Hang hat einen Mini-Golfplatz. Warum?“
Ich ahnte, dass die Pretzfelder Landjugend nur der Sündenbock sein sollte. In der Fränkischen wird viel geneckt, aber ein Einbruch ist kein Spaß. Wir fuhren zum besagten Hotel, einem modernen Klotz, der sich „Natur-Resort“ nannte und dessen Besitzer, ein zugezogener Investor namens Schlotterbeck, sich ständig über den Lärm beim Maibaumaufstellen beschwert hatte.
Hinter dem Hotel, versteckt zwischen Müllcontainern und Wäschewagen, entdeckte ich einen verdächtigen Haufen unter einer grünen Plane. Ich lupfte eine Ecke. Da lag er: Der prächtige Kranz von Kirchehrenbach, geschmückt mit den handgestickten Bändern.
„Da ist er!“, rief Matze und wollte schon zupacken.
„Wart mal“, sagte ich und hielt ihn am Arm fest. „Schau dir das an.“
Neben dem Kranz lag eine leere Dose Sprühkleber und ein Stapel gefälschter Briefköpfe der Pretzfelder Landjugend. Schlotterbeck wollte nicht nur das Fest verhindern – er wollte die beiden Dörfer gegeneinander aufhetzen, damit in der allgemeinen Aufregung das Maibaumaufstellen ganz abgesagt wird. Ruhe für seine Gäste, Krieg für die Einheimischen.
Ich klopfte nicht an die Hoteltür. Ich kannte den Schlotterbeck. Er war ein Mann, der nur eine Sprache verstand: die des öffentlichen Ansehens.
Wir warteten, bis er mittags auf seine Terrasse trat, um seine Gäste zu begrüßen. Ich schlenderte hinauf, den Kranz lässig über die Schulter geworfen, Matze und fünf kräftige Burschen im Schlepptau.
„Schöner Mittag, Herr Schlotterbeck“, rief ich laut genug, dass es auch die Gäste am Nachbartisch hörten. „Wir wollten uns nur für die Leihgabe bedanken. Es war wirklich nett von Ihnen, unseren Kranz über Nacht in Ihrem Kühlraum frischzuhalten. Dass Sie dafür extra ein Schloss manipulieren und falsche Briefe schreiben, um die Pretzfelder zu entlasten – das ist wahre Nachbarschaftshilfe!“
Schlotterbeck lief rot an wie eine reife Erdbeere. „Ich … ich weiß nicht, wovon Sie reden! Das ist eine Unverschämtheit!“
„Natürlich“, lächelte ich. „Aber wissen Sie, was noch unverschämter wäre? Wenn wir der Lokalzeitung erzählen würden, dass das Granulat von Ihrem Golfplatz unter dem Scheunenfenster liegt. Oder wir könnten uns darauf einigen, dass Sie dieses Jahr das Freibier für das ganze Dorf spendieren – als Entschuldigung für das ‚Missverständnis‘.“
Der Mai-Abend in Kirchehrenbach war legendär. Der Baum stand so gerade und stolz wie noch nie, und der Kranz leuchtete im Schein der Fackeln. Das Bier, das Schlotterbeck (zähneknirschend) bezahlt hatte, floss in Strömen.
Sogar die Pretzfelder waren gekommen, nachdem wir die Sache aufgeklärt hatten. In der Fränkischen Schweiz rauft man sich gerne, aber wenn ein Fremder versucht, den Keil zwischen uns zu treiben, rücken wir zusammen wie die Felsen am Wiesenttal.
Ich saß mit Matze auf einer Bank und beobachtete das Treiben. Der Duft von gegrillten Bratwürsten und frischem Birkenlaub lag in der Luft.
„Konni“, sagte Matze und hielt mir ein Seidla hin. „Du hattest recht. Gegen die Dummheit hilft kein Spritzmittel. Aber gegen einen wie den Schlotterbeck hilft eine ordentliche Portion fränkische Gerissenheit.“
Ich stieß mit ihm an. Der Mai war kein Verräter mehr. Er war genau so, wie er sein sollte: laut, gesellig und ein klein wenig unberechenbar. Und während die Glocken von der Ferne herüberläuteten, wusste ich: Das Brauchtum lebt – solange man weiß, wo die Grenze zwischen einem Scherz und einer Schande verläuft.
Die Schlacht um das goldene Fass
Der Mai in der Fränkischen Schweiz ist die Zeit der Wallfahrten, der Kirchweihen und vor allem: der Konkurrenz. Jedes Dorf bildet sich ein, das beste Bier, die knackigsten Bratwürste und den stolzesten Maibaum zu haben. Aber in diesem Jahr ging es in Kirchehrenbach um mehr als nur die Ehre. Es ging um das „Goldene Fass“.
Ein amerikanischer Milliardär mit fränkischen Wurzeln hatte angekündigt, das große Patronatsfest zu sponsern – inklusive eines historischen, handgeschmiedeten Zapfhahns aus purem Gold für das Dorf, das den besten Festzug auf die Beine stellt.
Ich, Konni Stärk, ahnte schon, dass das kein friedlicher Wettbewerb werden würde.
Es war der Vorabend des Festes. Ich half gerade im Brauhaus aus, als der Braumeister, der „Dicke Schorsch“, mit einem hochroten Kopf aus dem Lager stürmte.
„Konni! Sie haben die Hefe vergiftet!“, brüllte er.
„Was? Wer?“
„Die Pretzfelder! Oder die Kunreuther! Irgendjemand hat eine Ladung Industriespülmittel in die Gärtanks gekippt. Wenn ich das jetzt anstiche, schäumt das Dorf bis nach Forchheim zu!“
Ich schaute mir die Bescherung an. Tatsächlich: Ein klebriger, seifiger Film schwamm auf dem kostbaren Sud. Das Bier für das wichtigste Fest des Jahres war ruiniert. Ohne Bier kein Festzug, ohne Festzug kein goldenes Fass.
„Schorsch, schau mal da“, sagte ich und deutete auf die Schwelle der Brauereitür. Dort klebte kein Dreck, sondern eine feine, weiße Spur. Ich tippte mit dem Finger hinein und probierte.
„Mehl?“, fragte Schorsch.
„Nein“, sagte ich. „Puderzucker. Und zwar der ganz feine, den man nur für diese modernen Macarons nimmt.“
In Kirchehrenbach gab es niemanden, der Macarons buk. Aber oben am Waldrand hatte vor Kurzem eine „Wellness-Oase“ eröffnet, geführt von einer Dame namens Chantal, die das bodenständige Treiben im Dorf als „störende Lärmbelästigung für die Chakren“ ihrer Gäste bezeichnete.
Ich wusste, dass wir keine Zeit für eine Anzeige hatten. Also aktivierte ich den dörflichen Geheimdienst. „Matze!“, rief ich die Dorfjugend zusammen. „Wir brauchen keine Polizei. Wir brauchen die Feuerwehr und den alten Gülle-Wagen vom Bauern Huber. Aber sauber muss er sein!“
Während Chantal oben in ihrer Oase vermutlich schon den Sieg über die „biersaufenden Barbaren“ feierte, bereiteten wir den Gegenschlag vor.
Am nächsten Morgen, pünktlich zum Festbeginn, schritt Chantal in ihrem weißen Leinenkleid auf ihre Terrasse, um ihren Gästen die „Stille des Mais“ zu präsentieren. Doch statt Stille hörte sie das Dröhnen eines Traktors.
Ich fuhr das Gespann direkt vor ihre Auffahrt. Matze stand oben auf dem Wagen, das Strahlrohr in der Hand.
„Guten Morgen, Frau Chantal!“, rief ich über den Motorlärm hinweg. „Wir wollten uns nur für die großzügige Spende bedanken! Da Sie unser Bier mit Spülmittel verfeinert haben, dachten wir, wir geben Ihnen etwas zurück!“
„Was erlauben Sie sich?“, kreischte sie.
„Wir nennen es ‚Die Schaum-Party des Jahrhunderts‘“, grinste ich. Matze öffnete das Ventil. Aber statt Gülle schoss eine gewaltige Fontäne aus Seifenlauge und Wasser direkt in ihren penibel gepflegten Zen-Garten. Der Wind stand günstig – innerhalb von Minuten sah ihre Wellness-Oase aus wie eine überlaufende Badewanne.
„Hören Sie auf!“, schrie sie und rutschte auf einer Seifenblase aus. „Ich zahle alles! Ich gebe zu, ich wollte das Fest verhindern, weil meine Gäste bei Blasmusik nicht meditieren können!“
„Das wollten wir hören“, sagte ich und gab Matze das Zeichen zum Stoppen. „Sie werden nicht nur das neue Bier bezahlen – und zwar das teure aus der Nachbargemeinde, das wir jetzt per Express liefern lassen. Sie werden auch den Ehrenpreis für den Festzug stiften: eine lebenslange Freikarte für alle Dorfbewohner in Ihrem Pool. Wenn wir schon nicht in Ruhe trinken können, wollen wir wenigstens umsonst baden.“
Der Festzug fand statt. Das Bier floss (diesmal ohne Seifengeschmack), und das goldene Fass glänzte in der Maisonne. Chantal saß verbittert hinter ihren beschlagenen Fensterscheiben, während die halbe Dorfjugend im Wellness-Becken Arschbomben übte.
Ich saß mit Schorsch am Straßenrand und beobachtete das Spektakel.
„Konni“, sagte Schorsch und reichte mir ein frisches Seidla. „Du hast recht gehabt. Wer uns das Bier versalzt, der muss damit rechnen, dass wir ihm die Suppe ordentlich auslöffeln.“
Ich stieß mit ihm an. Der Mai war gerettet. Und eines war sicher: In Kirchehrenbach wusste nun jeder, dass man sich besser nicht mit der Hefe anlegt – es sei denn, man möchte sein Haus in eine riesige Schaumparty verwandeln.
Der Maibaum-Fluch von Kirchehrenbach
Der Mai war zwar gerettet, aber in der Fränkischen Schweiz bedeutet das nicht, dass man sich auf seinen Lorbeeren – oder in unserem Fall: auf den Freikarten für Chantals Wellness-Pool – ausruhen kann. Das „Goldene Fass“ glänzte stolz im Schaufenster des Brauhauses, doch das nächste Großereignis warf bereits seine Schatten voraus: Das traditionelle Maibaumaufstellen stand an. Und nach der Schaumparty-Aktion von letzter Woche war die Konkurrenz aus den Nachbardörfern doppelt auf der Hut.
„Konni“, sagte der Dicke Schorsch zu mir, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. Wir standen am Dorfplatz und betrachteten unsere diesjährige Pracht: eine kerzengerade, dreißig Meter lange Fichte, frisch geschält und bereit, am nächsten Morgen in den Himmel gehoben zu werden. „Die Pretzfelder fletschen schon die Zähne. Wenn die uns den Baum stehlen, sind wir die Lachnummer des Landkreises.“
„Keine Sorge, Schorsch“, beruhigte ich ihn. „Die Maibaumwache steht. Matze und die Jungs haben sich mit drei Kästen ungesalzenem Bier und einer Palette Bratwurstbrötchen am Sportheim verschanzt. Da kommt keiner ungesehen vorbei.“
Ein fataler Irrtum, wie sich herausstellen sollte.
Es war gegen vier Uhr morgens, als mich ein panisches Klopfen an meinem Schlafzimmerfenster aus dem Bett riss. Es war Matze. Er zitterte, und das lag nicht an der kühlen Mailuft.
„Konni! Er ist weg!“, stammelte er.
„Wer? Schorsch?“
„Nein, der Maibaum! Er ist einfach. … weg!“
Zehn Minuten später stand ich fassungslos auf dem Dorfplatz. Wo am Vorabend noch unsere stolze Fichte gelegen hatte, war jetzt nur noch gähnende Leere. Das Absurde daran: Matze und seine Truppe hatten die ganze Nacht keinen Meter vom Baum entfernt gesessen.
„Habt ihr geschlafen?“, herrschte ich ihn an.
„Nein, ich schwöre es!“, beteuerte Matze. „Aber gegen zwei Uhr zog plötzlich so ein seltsamer, dichter Nebel vom Waldrand herab. Und es roch so komisch … süßlich. Wie Lavendel und Kamille. Uns sind allen gleichzeitig die Augen zugefallen.“
Lavendel und Kamille. Mein Verdacht erhärtete sich sofort. Das war keine Aktion der Pretzfelder Burschen. Das roch nach Rache. Riechsalz-Rache.
Ich lief zum Waldrand, dorthin, wo die Nebelschwaden hergekommen waren. Und tatsächlich: Der Boden war vom schweren Transport des Baumes aufgewühlt. Doch statt Traktorspuren fand ich etwas anderes. Im Moos glitzerten kleine, bunte Dekosteine. Rosa, Türkis und Glitzer-Weiß.
„Chantal“, murmelte ich. Sie hatte ihren Wellness-Fuhrpark reaktiviert. Vermutlich hatten sie den Baum mit ihren lautlosen Elektro-Carts weggeschleppt, während unsere Wache von einer Aromatherapie-Überdosis ausgeknockt worden war.
Wir folgten der Glitzerspur tief in den Wald hinein – und blieben schließlich vor der alten, stillgelegten Scheune des Bürgermeisters stehen, die direkt an das Wellness-Grundstück grenzte. Durch die Ritzen des Holztors konnte ich sie sehen: unsere Fichte. Und davor stand Chantal, triumphierend mit einer Motorsäge in der Hand. Sie wollte das Prachtstück in handliche Kaminfeuer-Scheite zerlegen.
„Das ist das Ende eurer Prolo-Tradition“, flüsterte sie zu sich selbst und setzte die Säge an.
Wir hatten keine Zeit, das Tor aufzubrechen. Die Säge heulte bereits auf. Ich musste Chantal mit ihren eigenen Waffen schlagen – und mit dem, was der fränkische Mai an natürlichen Abwehrmechanismen zu bieten hatte.
„Matze“, zischte ich. „Siehst du das Hornissennest da oben im Dachgebälk der Scheune? Und hast du noch deine Steinschleuder?“
Matze grinste. Er verstand sofort. Ein gezielter Schuss durch ein kaputtes Dachfenster später krachte das vertrocknete Nest zu Boden – und zwar genau auf den Beifahrersitz von Chantals Elektro-Cart, direkt neben ihr.
Was dann folgte, war ein Schauspiel für die Götter. Die Mai-Hornissen, ohnehin nicht gut auf frühmorgendliche Ruhestörung zu sprechen, schwärmten wütend aus. Chantal stieß einen Schrei aus, der selbst die Rehe im Forchheimer Wald aufschreckte. Sie ließ die Motorsäge fallen, vergaß den Maibaum und rannte in einem Tempo in Richtung ihres Pools davon, das man ihr in ihren Yogakursen gar nicht zugetraut hätte. Mit einem eleganten, wenn auch unfreiwilligen Bauchklatscher rettete sie sich vor den Insekten in die Fluten.
Zwei Stunden später, pünktlich zum Sonnenaufgang, krachten die Böllerschüsse durch Kirchehrenbach. Mit der vereinten Kraft der Feuerwehr und der reaktivierten Dorfjugend hievten wir den Baum in die Verankerung. Er war unbeschädigt.
Chantal saß drüben auf ihrer Terrasse, dick eingepackt in einen Bademantel, einen Kühlpack auf der Stirn und sichtlich bedient vom „Frühlingserwachen“ der Natur.
Schorsch kam mit zwei frisch gezapften Seidla auf mich zu, schaute hinauf zur weiß-blauen Spitze unseres Baumes, die stolz in den Maihimmel ragte, und reichte mir das Glas.
„Konni“, sagte er und prostete mir zu. „Ich weiß nicht, wie du das immer machst. Aber wer versucht, uns den Baum abzusägen, der erntet eben keine Ruhe, sondern den wildesten Bienenschwarm der Fränkischen.“
„Hornissen, Schorsch. Es waren Hornissen“, verbesserte ich ihn schmunzelnd. „Aber das Ergebnis bleibt gleich: Prost auf den Mai!“